Nachruf & Text "Plötzlich scheinen die Wälder blau" von Emil Schneuwly

Abschiedsrede von Dominik Dietrich

Liebe Trauerfamilie, Trauergemeinde. Abschiedswort, Rückbesinnungsfeier für Jürg Tüscher†

Schon als die Mütter starben, lagen die Wolken tief. Nun ist ein Sohn gegangen. Wieder dehnen sich Erdfalten im Gräberfeld. In Jahren, die zählen, hat uns Jürg im bewegten Älterwerden, viel zu früh verlassen. Es ereilen uns die tristesten Momente im Leben.

 

Nennen wir sie Rückbesinnung, diese Feier. Die Trauergemeinde, alle hier Versammelten, wir tragen ein Bild von Jürg in uns. Diese, seine Ausstrahlung ist allgegenwärtig und er ist jetzt mittendrin. Und doch, er fehlt uns seit Tagen, seit die Nachricht uns eingeholt hat – und schon bevor wir traurig waren. Es schwebt etwas im Raum, das wir nicht sichtbar machen können: das Unwiederbringliche und das Vermissen. «Wenn ihr mich sucht … in eurem Herzen» steht auf dem passend gestalteten Leidzirkular zur Nachricht seines Todes, das mit der Post kam.

 

Da haben wir uns doch regelmässig am «Stammtisch der treuen comedianer Jahre» im Hotel National getroffen und verabschiedet. Und das vorletzte Mal war Jürg dabei, im unweit entfernten März. Es waren alle und mehr versammelt vom früheren GDP- und späteren comedia-Vorstand. Aber wir sagten nicht für immer Ciao, Ciao, Ciao für immer. Nein. «Nun, Jürg bist du nicht mehr unter uns.»

 

Die Zusammenarbeit mit Jürg, meine Jahre mit ihm, waren geprägt von unseren gemeinsamen Gewerkschaftstätigkeiten. Begonnen haben sie mit den Wirren einer Fusion rund um die Sektion Bern der Gewerkschaft Druck und Papier. Kraft der Mitkämpfenden und deren aller Überzeugungsarbeit in der Interessengemeinschaft pro comedia wurden wir letztendlich belohnt und haben das Ziel mit Erfolg erreicht. Zur Zeit mit dem Interims-Vorstand, wo er als Vizepräsident wirkte, schrieb Jürg diese Zeilen in seiner Zusammenfassung, die ich in einem prallgefüllten Ordner fand. Zitat: «Von April bis September 1999 hatten wir insgesamt 20 Vorstandssitzungen, die teilweise bis spät in die Nacht dauerten. Man muss wissen, dass wir alle damals 100% einem Beruf nachgingen.» Wesentliches entglitt Jürg nicht, kaum wohl entging ihm Bemerkenswertes. Im Namen unseres Gremiums, das dank vorbildlicher Zusammenarbeit auch Freundschaften kittete, möchte ich Jürgs Mitarbeit und die geleisteten Dienste an dieser Stelle würdigen.

 

Jürg war – ganz liebenswert formuliert – Kumpan, weit mehr als ein treuer Kollege, er war der Organisator, ein integrer Charakter, loyaler Sekretär für die Aktivisten, für die Mitglieder, ob Bernerinnen, Zürcher oder Romands, stets ansprechbar, einer der seine Aufgaben intelligent einteilte, wie auch seine Vorgehensweise klug vorbereitete. Er wusste die Leute zu informieren, zu aktivieren und aus dem damaligen comedia- Haus, an der Monbijoustrasse, ist er nicht wegzudenken und er liess den Sektions-Präsidenten in seinem Tun gewähren, das war mir recht. Wir beide, Schriftsetzer, haben im Bubenberg Druck in den frühen 1980er-Jahren zusammengearbeitet. Wir verstanden uns auch später gut, das zu Gunsten der ganzen Region und ebenfalls zum Vorteil der Schwächeren in unserer Gesellschaft, vom Freiburgischen über Bern bis nach Thun und ins Wallis. Unter der Mitwirkung der Vorstandskolleginnen und -kollegen, die heute unter uns sind, war so vieles möglich und es wurde vieles erbracht.

 

Was wir immer hatten war die Gewähr, einen Souveränen aufsuchen zu dürfen und ihn zu finden. «Frag den Jürg!» Und jetzt? Wir behalten in Erinnerung: Das Lächeln eines Freundes, ein Stirnrunzeln des Partisans, den Zorn im Angesicht des Überzeugten, die Genugtuung eines Genossen, die oft wahre Frustration wie die existente Inbrunst eines Sekretärs und: Die Freude eines positiven Kämpferherzens.

Jürg Tüscher, 25.6.1950 bis 12.5.2017

Emil Schneuwly, 7. Juni 2017

Plötzlich scheinen die Wälder blau

Plötzlich scheinen die Wälder blau

und die Sonne wirkt verloren am Firmament.

Goldgelb wird zu Bordeauxrot.

Der Funke erlischt, das Licht verblasst.

Ein Gong macht dich taub, die Sicht ist trüb.

Du hast den Jürg nicht mehr. –

Lustlos blickend in dunkle Felder;

noch ahnst du die erstarrte Riesenechse am Horizont,

der in der Dämmerung jetzt die Farbe verschenkt.

Ein Garten ohne Beete, ein Flur ohne Ende,

ein Himmel ohne Sterne.

Verloren sind wir Suchenden

in der Weite der Nachdenklichkeit.

Und was sollen die Kerzen jetzt?

Nichts fällt dir ein. Rosen sollten es sein.

Der Jürg ist gestorben. –

Kein Gebet und nicht ein Flehen bringen ihn zurück.

Es herrschen vor: Leid und Tristesse;

gespendeter Trost im grauen Tal der Bitterkeit

zeugt von der Liebe, Freundschaft und Zuneigung,

die bestanden dem geliebten Menschen gegenüber.

Zwei, drei, ja, siebenundsechzig Kerzen, Blumen

für den Jürg, leuchtende Horizonte, blühende Beete –

noch einmal, ihr Himmel, ein Schweizerrot.

Der Jürg ist ... –

Bande sind nun zerschnitten,

Jürgs Stimme nicht mehr vernehmbar,

seine Hände nicht mehr fühlbar.

Monde sind eigenartig verblasst, indessen eine

weitere beste Seele in Frieden ruhen darf.

Abende vernehmen die Trauer, Erinnerungen

prägen neue Bilder, zeichnen Vergangenes dir,

Gewöhnlichen zeigt es den einfachen Tag, jedoch,

der ungewöhnliche für uns wird in die Nacht fallen.

Emil

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01.09.2011 bis 31.12.2012 : Tüschi arbeitet als Regionalsekretär in Zürich

 

 

Geschätzte Trauerfamilie, liebe Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde von Tüschi

 

Melanie Kern hat mich vor rund drei Wochen angerufen und mich darum gebeten, an der heutigen Abdankungsfeier ein paar Worte an euch zu richten. Der Gedanke, heute sprechen zu müssen, war für mich im ernsten Moment unvorstellbar. Nicht, dass es mir schwer fallen würde etwas vor Leuten vorzutragen; viel mehr war ich der festen Überzeugung, dass ich vor lauter Trauer um das Ableben von Tüschi keinen Ton herausbringen werde. Ich habe dann die letzten Jahre, in welchen ich sehr viel mit Tüschi erleben durfte, Revue passieren lassen und musste schmunzelnd feststellen, dass wir mit wenigen Ausnahmen nur lustige, freundschaftliche und schöne Momente zusammen erleben durften. Je länger ich in Erinnerungen schwelgte, umso mehr wandelte sich die Trauer in ein gutes und herzer-wärmendes Gefühl. Somit war für mich klar, dass ich heute auf jeden Fall ein paar Worte an euch und vor allem an Tüschi richten werde.

 

Während meiner ersten Jahre bei der Mediengewerkschaft comedia hatte ich leider nur ganz selten die Gelegenheit mit Tüschi zusammenzuarbeiten. Trotz der Tatsache, dass wir uns lediglich an den nationalen Tagungen trafen, habe ich Tüschi ganz schnell in mein Herz geschlossen. An seiner herzliche und symphytische Art gab es kein vorbeigehen. Zudem war Tüschi einer derjenigen, die mich und meine Meinung, trotz meines jungen Alters, immer ernst genommen hat. Dies war auch eine der wertvollsten Eigenschaften von Tüschi: er interessierte sich für das Wohl anderer Menschen. Mit ihm sprach man stets auf Augenhöhe und fühlte sich zu jeder Zeit respektiert und ernst genommen.

 

Roland Kreuzer hat es in seinen Ausführungen bereits erwähnt, dass Tüschi ab dem 01.01.2011 als Hausmeister im Zentralsekretariat von syndicom arbeitete. Während dieser Zeit erlebten wir in der Region Zürich/Ostschweiz turbulente Zeiten. Zum einen verloren wir unseren Regionenleiter, Mischa von Arb, welcher für ein Entwicklungsprojekt für drei Jahre nach Bolivien ging. Zum anderen hatten wir während dieser Zeit noch weitere Wechsel, welche in unserer Region in einen personellen Engpass führten. Anstatt diese Stelle aber ausgeschrieben wurde, erhielten wir die freudige Meldung, dass ab dem 1. September 2011 Jürg Tüscher bei uns arbeiten wird. Dies löste nicht nur bei mir, sondern auch beim restlichen Team, grosse Freude aus. Tüschi war quasi der Felsen in der «Züri-See-Brandung». Seine Erfahrung, seine bedachte Art und seine Motivation etwas zu bewegen, prägte die Arbeit in Zürich massgeblich. Tüschi war dann auch derjenige, welche mich durch die schwierigste Zeit in meiner gewerkschaftlichen Karriere begleitete. Am 12. Oktober 2011 gab die Swissprinters AG via Medienmitteilung bekannt, dass sie die Standorte in St. Gallen und Zürich schliessen werden. Die Swissprinters St. Gallen AG war mein Lehrbetrieb, welcher nun geschlossen werden soll. 173 Kolleginnen und Kollegen, ehemalige Arbeitskollegen und Freunde, drohte das Aus in St. Gallen. Als ich diese Medienmitteilung las, brach ich in Tränen aus. Von der Zentrale erhielt ich den Auftrag, sofort nach St. Gallen zu fahren, um mit den betroffen Kolleginnen und Kollegen zu sprechen. Ich habe meinen Vorgesetzten mitgeteilt, dass ich emotional nicht in der Lage sei, mich dieser Situation zu stellen. Plötzlich kam Tüschi zu mir, legte mir seinen Arm um die Schulter und sagte: «wir beide fahren jetzt gemeinsam nach St. Gallen». So kam es, dass wir gemeinsam mit dem Zug nach St. Gallen fuhren und ich mich dank der Unterstützung von Tüschi, dieser schwierigen Situation stellen konnte. Dies war nicht nur der Tag, an dem die Swissprinters die Schliessung meines Lehrbetriebes bekannt gab, der 12. Oktober 2011 war auch der Tag, an welchem eine Freundschaft entstand. Wir erinnern uns aber auch gerne an unzählige Aktionen, bei welchen Tüschi immer an vorderster Front mit dabei war. Angefangen beim Bratwurstgrillieren beim Appenzeller Medienhaus oder beim St. Galler Tagblatt, bis hin zu den nächtlichen Sprayaktionen für die Jugendwerbekampagne HUGO. Dies hat Tüschi besonders gut gefallen, als wir mitten in der Nacht vor unser Betriebe und Berufsschulen gefahren sind, um mit Kreidespray gross das Wort HUGO hinzusprayen. Man muss sich auch nicht wunder, dass ausgerechnet Tüschi und Stefanie, verkleidet in weissen Ganzkörperanzügen, Mundschutz und Gummistiefeln, dann prompt in eine nächtliche Züricher-Polizeikontrolle geraten sind. Ich wünsche mir bis heute, dass ich mit dabei gewesen wäre, um den Gesichtsausdruck des Polizisten zu sehen, als Tüschi auf die Frage «was machen sie in diesem Aufzug hier?» antwortete: «nur ein bisschen sprayen!»

 

Tüschi war für unsere Region und unsere Mitglieder ein Bereicherung. Man konnte auf Tüschi immer zählen, egal ob früh morgens, spät abends oder wie erwähnt, mitten in der Nacht. Tüschi war immer zur Stelle wenn es ihn brauchte – und es brauchte ihn viel. Wir waren erstaunt, wie viel Energie und Leidenschaft Tüschi, nach so vielen Jahren als Gewerkschaftssekretär, immer noch an den Tag legte. Tüschi erfüllte eine Vorbildfunktion für uns alle. Ein bisschen so wie Tüschi sein, sollte unser aller Ziel bleiben. Leider mussten wir uns per Ende 2012, genau so wie heute, viel zu früh von Tüschi verab-schieden, da er seinen wohlverdienten Ruhestand erreicht hat. Zum Abschied haben wir Tüschi einen original Patent Ochsner Eimer, gefüllt mit feinstem Bier aus der Region Zürich/Ostschweiz, geschenkt. Nur hat dabei niemand bedacht, dass der arme Tüschi diesen schweren Eimer noch nach Bern wuchten muss. Bereits bei unserem nächsten Treffen schossen uns Tränen in die Augen, als Tüschi uns erzählte, dass er am Freitagabend mit diesem Eimer in den überfüllten Zug nach Bern fahren musste und ihn alle Leute anstarrten. Als Trost fand Tüschi unter dem Bier noch Konzertkarten für das nächste Patent Ochsner Konzert in Zürich, womit die Odyssee nach Bern schnell vergessen war. Patent Ochsner war nach der Pensionierung von Tüschi eine gemeinsame Leidenschaft, welche wir teilten. So gingen wir gemeinsam an weitere Konzerte – selbst der Weg ins weit entführten Herisau nahm Tüschi in kauf, um seine Lieblingsband zu sehen. Und so möchte ich noch ein paar persönliche Worte, ganz im Sinne von Patent Ochsner, an dich, Tüschi, richten:

 

Du warst alles andere als ein Gummibaum, der einfach nur ein bisschen herumsteht. Du warst viel mehr ein Trybguet, welches sich von der guten Sachen bis nach Zürich, St. Gallen, Winterthur oder Schaffhausen treiben liess. Wir haben immer gewusst, dass wir alles von dir haben können, und dass du immer für uns da bist; immer, sogar einen Tag länger als für immer. Du warst weder ein Diener noch ein Knecht, denn du hast dich immer für das Gute eingesetzt und warst dir nie zu schade, deine Meinung zu sagen, auch wenn es manchmal unbequem wurde. Reiche, runzlige Säue in ihren Pelzen konntest du nicht ausstehen, denn dein Herz war immer Scharlachrot und schrie nach Gerechtigkeit und einer besseren Welt für alle. Irgendwann muss jeder von uns gehen; ob Bälpmoos, das Kap der guten Hoffnung oder gar in der weit entfernten Unendlichkeit des Todes, in unseren Herzen wirst du immer bleiben! Und genau so, wie Bühne Huber jeweils die Konzerte von Patent Ochsner beendet, möchte ich meine Ansprache nun schliessen. Es sind die Worte, welche ich immer mit Tüschi in Verbindung bringen werde, die Worte, für welche er gekämpft und gelebt hat! Lasst euch nichts gefallen! Nie! Nie! Nie!

 

7. Juni 2017, in Gedenken an Jürg Tüscher

 

Dominik Dietrich    

 

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